Kolumne: Marx & Engels (April 2012)

Heiße Luft aus Bayern

„Noch Fragen, Marx?“ „Ja, Engels.“ Sie erinnern sich – so ähnlich begann der Dialog, der die scheinbar hochkomplexen Fragen der Politik auf das Niveau des täglichen Lebens brachte. Mit den im Verband der deutschen Rauchtabakindustrie e.V. (VdR) tatsächlich existenten Herren Franz Peter Marx, Hauptgeschäftsführer des VdR, und Patrick Engels, Vorsitzender des VdR, haben wir dieses augenzwinkernde Zwiegespräch wieder belebt.

kolumne-marx-engelsEngels: “Nicht an Normen gebunden, nicht beeinträchtigt, eigenständig, sein eigener Herr” … Hallo Marx, wissen Sie wovon ich spreche?

Marx: Sprechen Sie von mir, Engels?

Engels: Nicht ganz. Es ist die Definition des Dudens von “frei”.

Marx: “Frei” ist gut! Daraus lassen sich so schöne Worte kombinieren wie Freiheit, Freiluft und Freistaat!

Engels: Ganz genau. Doch nun hat der Verantwortliche über die Bayerische Seenschifffahrt, dies etwas anders interpretiert: Ab sofort gilt Freiluftrauchverbot auf den 34 staatlichen Ausflugsdampfern in Bayern! Nicht zu verwechseln mit geschlossenen Transportmitteln wie Bahn oder Flugzeug, die Nichtraucher zum Beispiel aus beruflichen Gründen nutzen müssen. Nein, wir reden hier von einem Freizeitvergnügen auf freiwilliger Basis. Mir erscheint dieses Rauchverbot auf Dampfern als ein absurder Preis um das Saubermann-Image einiger Politiker aufzupeppen. Damit auch gleich klar ist, wer hier die Lederhosen anhat: Der “Freistaat”. Und wenn Hausrecht wie bei den Wirten nichts mehr zählt, sind wahrscheinlich auch bald die privaten Dampfer dran. Fehlt eigentlich nur noch der staatliche Eingriff ins Eigenheim. Müssen Raucher ihre eigenen vier Wände bald als “Privaten Raucherclub” kenntlich machen?

Marx: Das wäre doch ein schönes Fernziel! Aber hier geht es ja auch um den Erhalt der einmaligen bayerische Idylle. Da bucht man mal ein Stückchen heile Welt, um auf glasklaren Seen zwischen malerischen Bergen dahin zu tuckern, auf den Hängen glückliche Kühe friedlich wiederkäuend … ach herrlich! Da muss ich direkt an meine Kindheit denken. Die Welt von Heidi ist für mich der Inbegriff von Naturverbundenheit und Gesundheit!

Engels: Marx, Sie müssen jetzt ganz stark sein: Schon der Alm-Öhi war Raucher. Er hat sein Pfeifchen nach getaner Arbeit immer sehr genossen und trotzdem stehen Flora und Fauna der Alpen noch. Heidi ist statistisch gesehen wie die meisten jungen Erwachsenen in die Stadt gezogen. Romantik versus Realität.

Marx: Es ist sehr wohl Realität, dass Dampfer-Passagiere, die Natur pur wollen, gezwungen sind passiv mitzurauchen! Man geht guter Dinge raus, um die frische Luft zu genießen und dann? Alles voller Rauch! So hatten sich die zahlenden Gäste den weiß-blauen Himmel über Bayern sicher nicht vorgestellt.

Engels: Dann erlauben Sie mir die Frage, wie ich mir das rein technisch vorstellen darf? Es ist wohl unstrittig, dass warme Luft nach oben steigt, während kalte nach unten sinkt. Wenn nun ein Mann auf dem Außendeck eines Dampfers raucht, dann soll sich der geballte Rauch entgegen aller physikalischen Gesetze – insbesondere des Fahrtwindes – gezielt zu den einige Meter entfernt stehenden Mitreisenden bewegen? Hm. Kann es nicht eher so sein, dass diese abstruse Idee dem Film “Nebel des Grauens” entspringt?

Marx: Sie wieder mit Ihrer Haarspalterei! Es geht ja nicht zuletzt auch um die Verschmutzung durch Asche und Tabakkrümel, z.B. beim Drehen einer Selbstgefertigten oder beim Stopfen einer Pfeife.

Engels: Mein Tipp: Aschenbecher! Wer die nicht nutzt muss selbstverständlich Kiel holen. Das gilt dann aber natürlich auch für liegen gelassene Bonbonpapiere, Kaugummis, Taschentücher etc…

Marx: Sehr witzig, lieber Engels! Aber was sagen Sie zur Luftverschmutzung durch Raucher?

Engels: Ich sage, dass der jährliche CO2-Ausstoß der weltweiten Schifffahrt 4,5 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen entspricht. Die größtenteils mit Diesel betriebenen Ausflugsdampfer stoßen zwar weniger Ruß und Feinstaub aus als ihre großen Schweröl-Kollegen, aber dennoch – wollten Sie das Einatmen schädlicher Emissionen ausschließen, dürften Sie erst gar keinen Dampfer betreten Herr Marx!

Marx: Danke, Sie Romantik-Killer! Aber trotzdem können Sie nicht mit globalen Problemen den Wert von volksnahem Gesundheitsschutz zerreden!

Engels: Nicht doch, ich möchte nur Ihren Blick für Verhältnismäßigkeiten schärfen. Volksnaher Gesundheitsschutz ist gut, aber er muss auch Sinn machen und darf niemanden diskriminieren. Mit scheinheiligen Argumenten die Menschen in Raucher und Nichtraucher einzuteilen, schadet vor allem dem sozialen Miteinander und der Toleranz. Viel Wind, null Wirkung. Um es mit den Worten des letzten „Bayerischen Königs“ Franz Josef Strauss zu sagen: zsammgsetzt, ausanandergsetzt, d’Tagesordnung festgsetzt, wieder abgsetzt, ersetzt, vui san zsammakumma, nix is rauskumma, Sitzung umma.