Kolumne: Marx & Engels (April 2014)

Die Maß ist voll! Oder etwa nicht?

Marx und Engels bringen es auf den Punkt. Die im VdR Verband der deutschen Rauchtabakindustrie e.V. tatsächlich existenten Herren Franz Peter Marx, Hauptgeschäftsführer des VdR, und Patrick Engels, Vorsitzender des VdR, werfen im monatlichen Rhythmus einen augenzwinkernden Blick auf Dinge des Zeitgeschehens.

kolumne-marx-engelsMarx: Noch Fragen, Engels?

Engels: Natürlich! Finden Sie nicht auch, dass einem Krim-Krise, Atomkonflikt, NSU und NSA irgendwie klein erscheint in Anbetracht des Bierkrug-Dilemmas?

Marx: Sie meinen das geplante Verbot des Keferlohers? Ja, so ein steinerner Bierkrug öffnet dem betrügerischen Wirt ja Tür und Tor. Er muss nur hundert mal zehn Milliliter weniger einschenken, und zack – hat er eine Maß gespart! Schon nach dreißig Jahren hat er sich so einen kleinen Extra-Urlaub erzapft! Mindestens Schwarzwald. Freilich gibt es auch eine Lobby für den abgezockten Freizeit-Trinker: Den Verein gegen betrügerisches Einschenken. Nach umfassenden Oktoberfest-Stichproben konstatiert deren Vorsitzender, dass man „in einigen Zelten – je später der Abend – besonders konsequent beschissen wird“. Aber da haben die Wirte die Rechnung wohl ohne die EU gemacht!

Engels: Richtig! Wie stehen Bayern und grundsätzlich Deutschland denn vor der Welt da? Der Bayern-Tourismus lebt ja u.a. auch von Neuschwanstein, der Maß und nicht von „soungefähr- einem-Liter-Bier“. Und deshalb ist der Maßkrug gemäß EU-Verordnung ab 2015 ein gesetzliches Messgerät, aus Glas versteht sich, zwecks Kontrolle.

Marx: Sollte man aus Versehen mal etwas zu viel drin haben, ist sofortige Selbstanzeige beim Ausschank zu erstatten. Ja, auch der Gast ist zu europäischer Korrektheit verpflichtet!

Engels: Andererseits ist die Bedrohung des Keferlohers natürlich ein Stich ins Herz der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Hier geht es schließlich ans Eingemachte der Schankwirtschaft, an gewachsene Tradition. Und schwuppdiwupp wird eine Ausnahmeregelung geschaffen, die die im Umlauf befindlichen Steinkrüge legitimiert. Na bitte, erfolgreicher Protest gegen unsinnige EU-Maßnahmen ist möglich, Heldenruhm inklusive!

Marx: Liebe Politiker, auch im Kampf gegen die Tabakdiskriminierungen der EU steckt viel Heldenpotential! Machen Sie’s wie Ilse Aigner, setzen Sie sich für Selbstbestimmung ein, der Wähler wird’s Ihnen danken!

Engels: Dummerweise gilt die Steinkrug-Ausnahmeregelung nur mit dem „deutlich sichtbaren“ Hinweis, dass man seine Steinmaß in eine Glasmaß umwandeln lassen kann. Die Deutschkenntnisse von Herrn Rodriguez, Frau Gunnarsdottir und Herrn Li reichen in der Regel aber leider nur für „Bier bittäh“.

Marx: Deshalb schlage ich eine vollautomatische Bedienung mit Zopfperücke vor. So eine Art Biergarten-R2D2. Es spricht alle Sprachen dialektfrei und hat ein Display im Dirndl auf dem die Maus erklärt, warum man lieber einen Glaskrug nehmen soll.

Engels: Wunderbar! Aber sollte man den Gedanken der Korrektheit nicht noch um Nachhaltigkeit erweitern? Ich plädiere für PET-Maßkrüge! Unkaputtbar und 100 Prozent recyclefähig! Dann brauchen wir nur noch Präzisions-Federwaagen für Radi und Obazd‘n. Da wird nämlich auch viel Schindluder getrieben oder EU-Brezn ohne Salz als Bluthochdruckbremse.

Marx: Wer braucht schon bayerische Gemütlichkeit und althergebrachte Traditionen? Der Biergarten der Zukunft besticht durch 100 Prozent betrugssichere Technik und futuristisches Flair. Kommen Sie, ich lade Sie zu einer Runde Schnupftabak und exakt 1000 Milliliter Bier ein.

Engels: Sehr gerne. Dabei können wir darüber nachdenken, was man alles Schönes mit den ausgemusterten Steinkrügen machen kann.