Kolumne: Marx & Engels (August 2013)

Gutmensch du nervst!

Marx und Engels bringen es auf den Punkt. Die im VdR Verband der deutschen Rauchtabakindustrie e.V. tatsächlich existenten Herren Franz Peter Marx, Hauptgeschäftsführer des VdR, und Patrick Engels, Vorsitzender des VdR, werfen im monatlichen Rhythmus einen augenzwinkernden Blick auf Dinge des Zeitgeschehens.

kolumne-marx-engelsMarx: Noch Fragen, Engels?

Engels: Aber gewiss, Marx. Heute schon Müll sortiert?

Marx: Was soll das denn nun schon wieder, Engels. Selbstverständlich trenne ich meinen Müll ebenso wie jeder Bürger, dem unsere Umwelt am Herzen liegt. Sie etwa nicht?

Engels: Doch natürlich. Wir Deutsche sind schließlich Weltmeister der Mülltrennung, da möchte man nicht kontraproduktiv erscheinen. Selbst wenn es eine eher unnötige Disziplin ist. Technisch ist es problemlos machbar, den Müll maschinell zu trennen – mit einem deutlich besseren Ergebnis als von Hand. Ist nachgewiesen. Die Anlage steht jetzt aber still, weil sie politisch nicht gewollt ist.

Marx: Womöglich fühlen wir uns ja einfach wohler, wenn wir uns wohl verhalten und brav trennen. Schließlich stecken wir ja auch unsere alten Wollpullover in die Kleidersammlung für Afrika. In der Sahara sind die Nächte bekanntermaßen bitterkalt. Trotz Klimawandel.

Engels: Wussten Sie, dass die Erderwärmung seit 15 Jahren nahezu stagniert? Die Wissenschaft bezweifelt zwar nicht, dass sich das Klima ändert, ist aber deutlich unsicherer über die Auswirkungen als der Bürger. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass wir inzwischen vor lauter Angst um die Umwelt ein nahezu wahnhaftes Wohlverhalten an den Tag legen. Wir tragen einen ausgewachsenen Gutmenschen in uns – und zunehmend nach außen. Wer es uns nicht gleich tut, ist persönlich verantwortlich für den Untergang des Planeten.

Marx: Da ist was dran, Engels. Man hat ja schon ein schlechtes Gewissen, Papiertaschentücher zu benutzen oder ein Schnitzel zu essen – wegen der Ökobilanz. Und
wehe wenn die Kinder Gemüse vorgesetzt bekommen, das nicht biodynamischer Herkunft ist – wobei sich das vermutlich vor allem auf die Gülle bezieht, mit der es gedüngt wurde.

Engels: Selbst unser der Umtriebe unverdächtiger Finanzminister meint, dass unsere Gesellschaft auf dem Weg ist, jakobinische Züge anzunehmen. Dabei ist das
Gutmenschentum keineswegs nur Privatsache, lieber Marx. Auch die Wirtschaft hat sich Political Correctness ganz groß auf die Fahnen geschrieben, um
bloß niemandem zu nahe zu treten. Das ist zwar löblich, manchmal aber wünscht man sich doch den knorrigen, Zigarre rauchenden Industriekapitän von einst zurück, der mal
polarisierte, mal menschelte. Oder Politiker vom Schlage eines Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner oder einen Schmidt-Schnauze, die laut das gegen jeden lauen Mainstream aussprachen, was sie tatsächlich dachten. Egal, ob uns das gefiel oder nicht.

Marx: Mag sein, Engels. Wo mir jedoch wirklich der Hut hoch geht, ist, wenn uns das vermeintliche Wohlverhalten auch noch aufs Auge gedrückt wird und ich meiner Wahlfreiheit beraubt werde. So wie bei der willkürlichen Tabakrichtlinie, die bald ins EU-Parlament kommt. Was folgt als Nächstes? Ein Verbot des Verzehrs von Rindfleisch oder nicht biologisch erzeugtem Chianti? Wahlfreiheit ist nicht nur Grundrecht, sondern auch Lebensqualität. Das kann man nicht unbedingt von der Mülltrennung behaupten und schon gar nicht von der Tabakrichtlinie.

Engels: Wie auch immer dieser Wein hier erzeugt wurde, ich schenke mir jetzt jedenfalls ein Glas ein. Und zünde mir eine Pfeife an. Sie auch?

Marx: Sehr gerne. Aber nur, wenn wir nicht vor die Tür gehen.