Kolumne: Marx & Engels (Mai 2013)

Im Europa der begnadeten Körper

Marx und Engels bringen es auf den Punkt. Die im VdR Verband der deutschen Rauchtabakindustrie e.V. tatsächlich existenten Herren Franz Peter Marx, Hauptgeschäftsführer des VdR, und Patrick Engels, Vorsitzender des VdR, werfen im monatlichen Rhythmus einen augenzwinkernden Blick auf Dinge des Zeitgeschehens.

kolumne-marx-engelsMarx: Noch Fragen, Engels?

Engels: Eine, Marx. Warum starren Sie mich an?

Marx: Ich versuche herauszufinden, ob Sie den Ansprüchen der Gesellschaft noch genügen, lieber Engels.

Engels: Und dazu betrachten Sie meinen Bauch? Das ist im Freistaat Bayern ein Statussymbol.

Marx: Natürlich. Ist Ihnen eigentlich klar, lieber Engels, dass wir uns auf dem besten Weg befinden, ein Volk der begnadeten Körper zu werden? Inzwischen sind mehr Deutsche Mitglied in Fitness-Studios als in Fußballvereinen – trotz FC Bayern und Borussia Dortmund. An die acht Millionen suchen ihr Heil in Beinpressen und auf Hantelbänken.

Engels: Jetzt sehe ich Sie an und erkenne, dass Sie dabei etwas stört, Marx. Was ist verwerflich an Leibesertüchtigung?

Marx: Nun ja, inzwischen warnen Fachleute bereits vor dem Fitnesswahn und geben zu bedenken, dass zu viel Sport durchaus einen gegenteiligen Effekt haben kann, nämlich ungesund ist. Sie raten auch hier zur Maxime der Gelassenheit und des Genusses. Und noch etwas verdrießt mich, Engels: Manche Leute neigen ja nicht nur zu einer gewissen Verbissenheit bei ihrem Tun, sondern auch dazu, ihre vermeintlichen Ideale den Mitmenschen überzustülpen.

Engels: Und da wird das Streben nach dem Sixpack zu einem soziologischen Problem, meinen Sie, Marx? Angesichts der uns eigenen Konsequenz fürchten Sie, dass uns der „Fitness-Terror“ droht: Im Fernsehen wird Samstagabend Bankdrücken übertragen, im Büro trägt man fränkische Dreistreifer und öffentliche Grünanlagen werden für Kinder gesperrt, weil sie die Laufwege kreuzen. Machen Sie einen Punkt, lieber Marx.

Marx: Mag schon sein, Engels. Aber es ist doch so: Wenn die Europäische Kommission in Brüssel den Boom der Körperlichkeit erst mal mitkriegt, wird bald per EU-Direktive zumindest die Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio Voraussetzungen sein, einen günstigen Krankenversicherungstarif zu bekommen. Selbstredend gilt das dann auch für Kleinkinder und Senioren, weil ja vor dem Gesetz alle gleich sind.

Engels: Da mag was dran sein, Marx. Unsere Gleichmachungsverwaltungen sind ja schon heute bestrebt, alle und alles zu nivellieren. So sollen die offensichtlich unmündigen Raucher, wenn sie denn schon qualmen müssen, wenigstens alle das Gleiche rauchen – Brüssel will ja jegliche Geschmacksstoffe im Tabak verbieten und den Tabak nur noch in Einheitsverpackungen mit riesigen bunten Warnbildern verkaufen lassen.

Marx: Wohl wahr, Engels. Und was dann hinten rauskommt bei Einheitspolitik nach Populismus-Rezept ist viel heiße Luft. Denken Sie doch nur an die groß aufgeblasene und zuletzt geplatzte Strompreisbremse.

Engels: Lieber Marx, lassen Sie uns daher unser persönliches Fitnessprogramm aufnehmen und spazieren gehen. Aber bitte moderat und mit hochwertigem Tabak. Ich hätte da eine Sorte, die Sie unbedingt probieren sollten, bevor sie womöglich dem Einheitsgeschmack geopfert wird.