Kolumne: Marx & Engels (September 2012)

Die Macht des Banalen

Marx und Engels bringen es auf den Punkt. Die im Verband der deutschen Rauchtabakindustrie e.V. tatsächlich existenten Herren Franz-Peter Marx, Hauptgeschäftsführer des VdR, und Patrick Engels, Vorsitzender des VdR, werfen im monatlichen Rhythmus einen augenzwinkernden Blick auf Dinge des Zeitgeschehens.

kolumne-marx-engelsMarx: Noch Fragen, Engels?

Engels: Aber natürlich, Marx. Was wissen Sie über die geheimen Vorlieben unserer Politiker?

Marx: Die was? Selbst wenn es das gäbe, was ich nicht in Abrede stelle, ich würde es nicht wissen wollen.

Engels: Das glaube ich Ihnen nicht, Marx. Sie würden es wissen wollen müssen – selbst dann, wenn Sie es gar nicht wollen!

Marx: Sind Sie jetzt endgültig von allen guten Geistern verlassen, Engels? Worauf wollen Sie denn hinaus?

Engels: Ach Marx, Sie notorischer Kleingeist. Unser Zeitalter ist doch das der umfassenden Kommunikation. Darauf sind wir sogar stolz. Das bedeutet aber für all jene, die in der Öffentlichkeit stehen, dass sie medialer „Rundum-Überwachung“ unterliegen. Und in den wenigen Momenten, in denen sie glauben, jener entkommen zu können, lauern hinterm nächsten Busch Leserreporter mit schussbereiten Handykameras.

Marx: Aha, dann habe ich bei unseren Politikern offenbar was verpasst.

Engels: Ach Marx, manchmal ist es mühsam mit Ihnen. Gar nichts haben Sie verpasst. Denn wir wissen doch längst dank einschlägiger Fotos, dass der eine beim Einkaufen Musik aus dem iPod hört und Sonnenbrille trägt. Oder eine andere gerne Oliven, Paprika, Kohlrabi und eine Flasche Weißwein im Einkaufskorb liegen hat, oder ein Dritter seinen Vaterschaftsurlaub vor dem heimischen PC antritt, oder oder oder. Essentielle Erkenntnisse, sag ich Ihnen!

Marx: Aber das macht doch die Gladiatoren unseres Politbetriebes ein Stück weit transparenter und menschlich, Engels. Das ist doch eigentlich gut so.

Engels: Nicht wirklich, Marx. Denn was kommt denn unterm Strich raus bei der Dauerpräsenz von Kameras und Mikrofonen? Nichts als unnötige Banalitäten! Kohlrabi und Weißwein. Die Banalitäten aber gehen einher mit einer gesteigerten Erregungsbereitschaft beim Publikum. Es wundert mich beinahe, dass es keine Protestumzüge militanter Antialkoholiker angesichts des Weins im Einkaufskorb der Kanzlerin gab. Oder Anzeigenkampagnen deutscher Winzer, weil es – degoutant – einer aus Frankreich war. Jeder Schwitzfleck unter der Achsel, jedes Wohlstandsbäuchlein, jeder Temperamentsausbruch und jedes zweimal getragene Kleid auf dem roten Teppich wird zur Nachricht oder gar zum Skandal hochstilisiert. Denken Sie doch an die jüngste Anzeige einiger offensichtlich vernebelter Mitmenschen gegen die ARD, weil Helmut Schmidt bei Sandra Maischberger rauchen und schnupfen durfte: Sofort folgte der Aufschrei, das offen gezeigte Genußrauchen des Alt-Kanzlers suggeriere, dass Rauchen die Lebenserwartung steigere. Ja, soll er sich denn dafür entschuldigen, dass er immer noch lebt und raucht? Über das, was der gute Mann zur Weltlage und zur Eurorettung gesagt hat, wird im Nachhinein gar nicht mehr diskutiert

Marx: Sie meinen, wir kriegen die wahren Skandale gar nicht mehr richtig mit, weil sie untergehen im Heer der Erregung über rauchende Altkanzler und der Enthüllung von Kohlrabi und Weißwein im Besitz von amtierenden Kanzlerinnen?

Engels: Mal abgesehen von Schmidt – dem Überwachten ist die Überwachung doch bewusst und er verhält sich entsprechend. Wobei selbst die kleinste Kleinigkeit mit großem Aufwand von den Beraterstäben ins Medienkalkül gezogen werden muss, damit man brav und medial angepasst erscheint. Barack Obama bekam neulich Schelte, weil ein Foto ihn zeigte, als er während eines Telefongesprächs mit dem türkischen Premier einen Baseballschläger in der Hand hielt. Na, wenigstens hat er nicht Sirtaki getanzt dabei. Stellen Sie sich vor, Angela Merkel würde im Wanderurlaub in Südtirol ein Zigarillo rauchen, oder sie säße mit ihrem Mann Joachim entspannt auf der Terrasse und er würde sich eine Pfeife anzünden – ich sehe die Schlagzeilen direkt vor mir. Der obligatorische Wickeltisch-Tweet von Sigmar Gabriel zum Thema bliebe uns sicher auch nicht erspart. Zumindest aber wäre das Sommerloch, dem Tabak sei´s gedankt, gestopft.

Marx: Aber auf diese Weise wissen wir wenigstens, dass sich unsere Politgarde standesgemäß benimmt. Überwiegend jedenfalls.

Engels: Ach Marx, das ist doch nur eine gezüchtete Spezies. Sie ist das Ergebnis einer allzeit drohenden Beobachtung. Denken Sie doch nur an den der Damenwelt stets zugeneigten John F. Kennedy oder den mit Whiskeyglas als Begleiter regierenden Willy Brandt. Das waren grundsätzlich nicht die Schlechtesten. Doch für sie wäre heute kein Platz, sie hätten sich medial längst abserviert.

Marx: Sie meinen also, wir haben vielleicht nicht die besten Politiker, aber die bravsten. Was meinen Sie, Engels, wickeln die uns mit Banalitäten ein oder haben sie tatsächlich nicht mehr zu bieten?

Marx: Wissen Sie was, Engels, ich vermisse einfach die Ecken und Kanten, die sich offenbar keiner mehr medial leisten kann, den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen ohne Rücksicht auf die postwendend folgende öffentliche Lynchjustiz. Und das nicht nur in der Politik. Lassen Sie uns eine rauchen gehen und Flagge zeigen. Drehen Sie mir eine mit?

Engels: Klar, aber nur, wenn Sie das Fotohandy stecken lassen und aufhören zu twittern.